Vom Studium in die Forschung

Gesagt, getan. Schon während des Grundstudiums an der FernUni Hagen arbeitete ich praktisch mit Menschen mit Angststörungen – in der Spezialambulanz für Angsterkrankungen der Charité Berlin. Zeitgleich entdeckte ich früh meine Leidenschaft für die biologische Psychologie und die Neurowissenschaften.

Dabei fiel mir etwas auf, das mich bis heute fasziniert: Wie sehr affektive Störungen – Ängste, depressive Verstimmungen – immer wieder in unsere Aufmerksamkeit eingreifen. Wer sich sorgt, dessen Gedanken kreisen; wer erschöpft ist, dem entgleitet der Fokus. Umgekehrt zehren Aufmerksamkeitsschwierigkeiten am Selbstwert und schlagen aufs Gemüt. Emotion und Aufmerksamkeit sind eng verwoben.

Je tiefer ich grub, desto klarer wurde der gemeinsame Nenner so vieler dieser Phänomene: kognitive Kontrolle und Aufmerksamkeit. Ich wollte verstehen, wie dieses System auf seiner grundlegendsten, neuronalen Ebene funktioniert – gerade weil es so weitreichende Implikationen für affektive und kognitive Störungen hat.

So wechselte ich für den Master an die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, um Psychologie mit Schwerpunkt Neurowissenschaften zu studieren. Weiterhin Feuer und Flamme für Forschungsmethoden und die Ergründung des menschlichen Gehirns, begann ich als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Allgemeine & Kognitive Psychologie in Forschung und Lehre zu arbeiten – und promovierte schließlich zum Thema Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle.

Umwege, die dazugehören

Während meiner Promotion, die ich 2024 abschloss, begleitete ich parallel Menschen psychologisch-beraterisch in einer NGO für die LGBTQ-Community in Berlin.

Dann der Sprung: raus aus der Psychologie, rein in die Wirtschaft – mit der Idee, den Alltag von Pflegekräften durch neue Technologie zu verbessern. Und die Erkenntnis: Die Corporate-Welt ist nicht meine.

Also besann ich mich zurück auf meine fachlichen und menschlichen Wurzeln. Getragen wurde dieser Weg immer von zwei Dingen: Neugier – und der Suche nach dem Sinnstiftenden im menschlichen Miteinander.

Wo all das zusammenläuft

Heute weiß ich: Kein Abschnitt meines Weges war umsonst. Die Klinikhat mir gezeigt, dass kein Mensch isoliert existiert – wir sind immer Teil eines Systems. Die Forschunghat mir das Wissen darüber geschenkt, wie Aufmerksamkeit auf ihrer tiefsten neuronalen Ebene funktioniert. Die Beratungsarbeit hat mich gelehrt, wirklich zuzuhören und den Raum zu halten, den ein Mensch braucht, um sich zu öffnen. Und mein eigener, nicht ganz gerader Weg hat mir am eigenen Leib beigebracht, was es heißt, in einer Welt zurechtzukommen, die nicht für jeden Kopf gemacht ist.

Genau diese vier Fäden – systemisches Denken, wissenschaftliche Tiefe, echte Empathie und gelebte Erfahrung– verweben sich in dem, was ich heute tue: Menschen mit AD(H)S und Aufmerksamkeitsbesonderheiten fundiert, ehrlich und auf Augenhöhe zu begleiten. Ich bin nicht trotz meiner Umwege hier gelandet, sondern wegen ihnen. Und vielleicht ist genau das meine wichtigste Qualifikation: Ich verstehe nicht nur die Wissenschaft der Aufmerksamkeit – ich verstehe auch, wie sich das Leben mit ihr anfühlt.

Wie alles begann …

Nach der Schule arbeitete ich ein Jahr lang in der Tagesklinik einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. AD(H)S war dort bereits ein großes Thema – und gleichzeitig prägte sich hier meine systemische Perspektive aus: Ich begann, die meisten Kinder, denen ich begegnete, als Symptomträger familiär-systemischer Probleme zu verstehen. Kommen dann angeborene neuronale Eigenheiten hinzu, führt das in einem belasteten System mit wenig Ressourcen schnell zur Überforderung – und die Kinder werden zu „Systemsprengern".

Genau hier anzusetzen – Betroffene und die Wechselbeziehung zu ihren familiären Systemen besser zu verstehen und wirksam zu helfen – ließ mich den Entschluss fassen: Ich studiere Psychologie.