AD(H)S als Teil eines Aufmerksamkeits-Kontinuums

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Anders ist nicht schlechter – AD(H)S als Teil eines Aufmerksamkeits-Kontinuums

Stell dir vor, du lebst vor 40.000 Jahren. Dein Alltag besteht aus. Jagen und Sammeln – aus dem, was die Forschung heute Foraging nennt. Und ständig stehst du vor derselben Grundfrage:

Bleibe ich hier – oder ziehe ich weiter?

Bleibe ich an diesem Ort und sammle die letzten Beeren, bis wirklich nichts mehr übrig ist? Oder breche ich rechtzeitig auf, gehe das Risiko ein und suche mein Glück in unbekanntem Terrain? Dieses Dilemma hat einen Namen: Exploration versus Exploitation– Erkunden gegen Ausschöpfen. Und es ist bis heute tief in unser Gehirn eingeschrieben.

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AD(H)S als „Explorations-Spezialisierung"

Viele AD(H)S-typische Eigenschaften lesen sich wie das Profil eines idealen Explorers:

  • schnelle Langeweile → Signal zum Weiterziehen

  • starker Bewegungsdrang → Antrieb, neues Terrain zu erschließen

  • Impulsivität & Reaktionsfreude → schnelles Handeln in unklaren Situationen

  • Risikobereitschaft → Mut, das Unbekannte zu betreten

Wenn Forscher das Foraging-Verhalten unserer Vorfahren im Labor nachbilden, zeigt sich ein bemerkenswertes Muster: Menschen mit AD(H)S schneiden hier oft besser ab – dank einer erhöhten kognitiven Flexibilität. Diese Perspektive wird durch aktuelle Hirnforschung gestützt. Li et al. (2023) zeigten, dass Erwachsene mit AD(H)S in einem Aufgabenwechsel-Paradigma geringere Umschaltkosten und stärkere Aktivitätsänderungen im frontopolaren Kortex aufwiesen als Kontrollpersonen.

Statt einer Einschränkung zeigt sich hier also eine Mobilisierung kognitiver Ressourcen – ein grundlegend anderer Blick auf AD(H)S.Das deckt sich mit meiner eigenen Forschung: In meiner Doktorarbeit über die Rolle des frontopolaren Kortex bei der explorativen Umverteilung von Aufmerksamkeit konnte ich zeigen, dass die individuelle Neigung zur Exploration mit der Signalstärke im frontopolaren Kortex zusammenhängt.

Unser Gehirn ist buchstäblich unterschiedlich darauf eingestellt, wie stark es zum Erkunden neigt.

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Warum Exploration überlebenswichtig war

Wenn Ressourcen knapp sind und die Umwelt sich unvorhersehbar verändert, hat derjenige einen Vorteil, der schnell weiterzieht, Neues erkundet und Risiken eingeht. Gruppen, die über genügend explorationsfreudige Mitglieder verfügten, konnten neue – und oft gefährliche – Lebensräume erschließen. Sie waren im Vorteil gegenüber Gruppen, die zögerlich am Vertrauten festhielten. Entscheidend ist: Eine Gemeinschaft war dann am erfolgreichsten, wenn sie nicht nur einen einzigen Aufmerksamkeitstyp hervorbrachte, sondern eine Vielfalt. Die Beständigen, die eine Ressource geduldig ausschöpfen. Und die Aufbrechenden, die den nächsten Horizont erkunden. Genau hier kommt AD(H)S ins Spiel.

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Aufmerksamkeit ist ein Kontinuum – kein Schalter

Daraus folgt meine zentrale These:

Wir sollten Aufmerksamkeit als ein Kontinuum begreifen – zwischen maximal exploitativ und maximal explorativ. Und jeder von uns ist irgendwo auf diesem Spektrum verortet.

Gibt es also das eine neurotypische Aufmerksamkeitssystem?

Jein.

Die Mehrheit der Menschen fällt in einen unauffälligen Bereich und entwickelt keinerlei Probleme. Doch an den Rändern des Kontinuums – dort, wo die Ausprägung besonders stark ist – wird der Kontext entscheidend. Und genau der Kontext hat sich radikal verändert.

Das eigentliche Problem: nicht das Gehirn allein, sondern immer auch die Passung

Wir haben uns Lebens- und Arbeitswelten geschaffen, die von immer festeren, vorhersehbareren Strukturen geprägt sind: der 9-to-5-Rhythmus, das Großraumbüro, das stillsitzende Lernen, die endlose Routineaufgabe. An diese Strukturen ist vor allem der beständige, exploitative Gehirntyp hervorragend angepasst.

Menschen mit einer stark explorativ ausgelegten kognitiven Steuerung hingegen müssen ihre Leistung unter Bedingungen erbringen, die ihrer kognitiven Architektur zuwiderlaufen – oft weit unterhalb ihres optimalen Erregungsniveaus.

Das erzeugt Reibung, Erschöpfung und Selbstzweifel.

Der Leidensdruck bei AD(H)S entsteht also nicht allein „im Kopf" – sondern in der fehlenden Passung zwischen einem explorativen Gehirn und einer auf Ausschöpfung optimierten Welt.